Vom Vorteil unserer Sprachvielfalt

Portrait Hannelore Rexroth - Geschäftsführerin bei AGAPLESION

 erschienen in der VDOE POSITION 3/2010

POSITION: Frau Rexroth, Sie sind Geschäftsführerin eines diakonischen Einrichtungsverbundes für Altenhilfe und organisieren vier Altenhilfestandorte. Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?

Rexroth: Der Spagat von sozialem Engagement und wirtschaftlichem Handeln in Verbindung mit der Interdisziplinarität, die ich brauche, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Ich trage Verantwortung für Menschen und organisiere für sie das gesamte System Hauswirtschaft. Das hat mich immer schon an Altenhilfeeinrichtungen fasziniert. In der Arbeit mit Menschen gibt es kaum Komplexeres als das System des Großhaushalts: Das fängt bei den konzeptionellen, planerischen Aktivitäten an, geht über die Organisation des Alltags der Menschen im Rahmen von Pflege und Betreuung bis hin zu Küche, Reinigung und Wäsche.

POSITION: Da gibt es wenig Langeweile?

Rexroth: Gewiss nicht – schließlich kommen noch eine Reihe von Führungsaufgaben dazu, z. B. Personalverantwortung und Personalakquise, Pflegesatzverhandlungen mit den Kostenträgern und vieles mehr – nicht zu vergessen die wirtschaftliche Leitung und die Finanzen: Das ist ein enorm wichtiger Aspekt. Sie müssen im Rahmen der Verantwortung für Mitarbeiter und Bewohner mit den verfügbaren Ressourcen auskommen. Sie müssen dafür sorgen, dass das Unternehmen mit dem, was sie an Erlösen erzielen, auf lange Sicht überlebensfähig ist.

POSITION: Wo lernt man das alles?

Rexroth: In 10 Jahren Berufserfahrung in der Gemeinschaftsverpflegung und danach weiteren 10 Jahren im Qualitätsmanagement (QM) im Krankenhaus- und Altenhilfebereich bei AGAPLESION. Während dieser Zeit habe ich das QM in den Krankenhäusern des AGAPLESION-Konzerns bundesweit eingeführt und aufgebaut und Krankenhaus und Altenhilfe aus der Perspektive der „Optimierung von Prozessen“ kennengelernt. Nach 10 Jahren wollte ich nicht mehr nur die sein, die allen erzählt, wie man alles richtig macht. Ich wollte das auch selbst tun und beweisen, dass man QM tatsächlich in der Praxis umsetzen kann.

POSITION: Ist Ihnen das gelungen?

Rexroth: Zumindest weitgehend – und das vor allem dank motivierter Mitarbeiter. Die Mitarbeiter müssen mitziehen, ohne sie geht es nicht. Und es bringt alle weiter, weil jeder bei der Umsetzung von QM-Maßnahmen merkt: Vieles wird besser, die Prozesse werden einfacher und aufeinmal verstehen sich verschiedene Abteilungen. Die Vernetzung wird stärker. Das System funktioniert nur dann zur Zufriedenheit aller, wenn die Mitarbeiter das mittragen.

POSITION: Mit wem konkurrieren Oecotrophologen in diesem Berufsfeld?

Rexroth: Zum Beispiel mit Pflegemanagern und Pflegewissenschaftlern, aber auch mit Sozialarbeitern, die zusätzlich den Sozialbetriebswirt machen. Trotzdem können wir Haushaltswissenschaftler hier effizienter sein, weil wir aufgrund unserer interdisziplinären Ausbildung die verschiedenen Bereiche besser zusammenzuführen vermögen. Ein Beispiel: Wir können uns mit Ärzten unterhalten und dort Akzeptanz erreichen, genauso wie wir kompetent mit Mitarbeitern im Reinigungs- oder Wäschedienst sprechen können. Das ist der große Vorteil unserer „Sprachvielfalt“. Leider lassen sich die Oecotrophologen in der Praxis mehr und mehr aus dem operativen Bereich abdrängen. Sie gelten als die Wissenschaftler und Theoretiker – tatsächlich tummeln sich die meisten ja auch in diesem Bereich. Die operativen Aufgaben werden dann von anderen Berufsgruppen übernommen, die unsere Erkenntnisse aber leider nicht immer so in die Praxis übertragen, wie es zu wünschen wäre.

POSITION: Wie schafft man all das, was Sie in Ihrer Position zu bewältigen haben?

Rexroth: Ich ziehe die Motivation aus dem Tun – und ich bleibe gelassen. Das konnte ich am Anfang sicher nicht. Das kann man aber lernen. Man muss sich auch ab und zu distanzieren – und darf vieles nicht persönlich nehmen. Ganz wichtig ist, die Emotionalität bei Konflikten auf die sachliche Ebene zu bringen. Und man braucht einen Ausgleich. Etwas, wobei man völlig abschalten kann. Für mich sind das die Bienen – die Imkerei. Man gewinnt dabei einen ganz anderen Blick auf das, was wächst, was blüht, was in der Natur passiert. Im Umgang mit den Bienen steckt für mich aber auch wieder das Kümmern. Das ist eine Grundhaltung, die man halt hat. Für mich hat die Beschäftigung mit den Bienen durchaus etwas Meditatives.

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

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