Verband der Oecotrophologen e.V. (VDOE)
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Erschienen in der VDOE POSITION 1/2008
Ein beruflicher Aufenthalt im Ausland hat seinen besonderen Reiz. Er kann Sichtweisen verändern, Horizonte erweitern und die eigene Persönlichkeit stärken, aber auch belasten. Egal ob während oder nach dem Studium - eine Beschäftigung in fernen Ländern will gut überlegt und geplant sein. Neben reinen Forschungs- und Studienaufenthalten oder Arbeitgeber- Austauschprogrammen fordert eine Beschäftigung in der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) einen besonderen Einsatz. Welche Überlegungen hierzu im Vorfeld anzustellen sind, zeigt der folgende Beitrag.
Humanitäre Hilfe: spontan und kurzfristig
Was unterscheidet das Arbeitsfeld humanitäre Hilfe von dem der Entwicklungszusammenarbeit und was haben beide Felder gemeinsam? Zuerst zu den Gemeinsamkeiten: Fachliche Kompetenz ist unabdingbar sowie interkulturelle Kommunikation. Managementfähigkeiten, Stressbewältigung und gute Sprachkenntnisse sind in beiden Arbeitsfeldern gefordert. Eine wichtige Unterscheidung ist, dass eine Beschäftigung in der humanitären Hilfe nicht planbar und generell von eher kurzfristiger Natur ist. Sie ist zudem rein an der Notlage der Menschen orientiert und fragt nicht nach Gut und Böse, Opfer oder Täter. Die Not zu mindern und Leben zu retten stehen im Vordergrund. Die Tätigkeit findet zudem häufig in einem unstabilen und unsicheren Umfeld statt. Die Vorbereitung ist meist sehr kurz und die Ausreise erfolgt sehr schnell. Hauptaufgabenfelder für Oecotrophologen sind oft die Durchführung von Bedarfserhebungen, Projektplanung, Leitung von Ernährungsprojekten (Feeding Centres, Suppenküchen, Verteilung von Nahrungsmitteln) sowie uEvaluierungen. In der humanitären Hilfe arbeiten die Helfer überwiegend mit zivilgesellschaftlichen Organisationen im Land zusammen.
EZ: langfristig und nachhaltig
In der Entwicklungszusammenarbeit hingegen steht die langfristige und nachhaltige Arbeit im Vordergrund, auf der Basis von lang geplanten Vorhaben, die oft politisch gefördert werden. Ziel ist hier, vor allem nachhaltige Änderungen herbeizuführen, die zur Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung führen. Interessierte können sich im Allgemeinen intensiv auf das Land und den Kontext vorbereiten. Der Aufenthalt im Land ist längerfristig angelegt, meist für zwei bis fünf Jahre. Je nach Entsendeorganisation wird hier mit staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Strukturen zusammengearbeitet.
Wer mit dem Arbeitsfeld humanitäre Hilfe liebäugelt, muss für sich selbst die Frage beantworten, ob er mit den spezifischen Rahmenbedingungen zurecht kommt. Der Einstieg in die humanitäre Hilfe erfolgt häufig einfacher und schneller als in die Entwicklungszusammenarbeit. Dies verleitet viele dazu, auf dem "Umweg" der humanitären Hilfe Zugang zur EZ zu finden. Allerdings ist dies wenig ratsam, wenn man die Anforderungsprofile vergleicht. Wer für die humanitäre Hilfe geeignet ist, wird nicht unbedingt in der EZ glücklich und umgekehrt. Nur wenigen gelingt der Spagat zwischen den Welten.
Voraussetzung: Belastbarkeit
Am Anfang steht die Motivation, bzw. der Beweggrund, sich auf einen Auslandseinsatz einzulassen. Menschen, die ein großes soziales Verantwortungsbewusstsein zeigen, sich für andere in Not einsetzen und Dinge in Bewegung bringen wollen, sind die am häufigsten vor Ort anzutreffenden Typen. Eine falsche Motivation wäre ein übertriebenes Helfersyndrom, nämlich dann, wenn Mitgefühl mit Mitleid verwechselt wird. Auf Grund der großen erlebten Not kann man dann selbst zum Opfer werden. Genauso wenig stellen Organisationen der humanitären Hilfe Menschen ein, die vor ihren Problemen fliehen wollen. Probleme bleiben nicht zu Hause, sondern holen denjenigen immer ein und sorgen im Ausland dafür, nicht belastbar zu sein. Die Abenteuerlust gehört nicht unbedingt zur positiven Motivation, eher die Lust, sich auf Neues einzulassen. Viele Interessierte suchen nach sozialer Anerkennung, wenn sie bei Katastropheneinsätzen helfen. In vielen Situation wird man für sein Engagement anerkannt, aber es häufen sich Situationen, in denen die ausländischen Helfer nicht willkommen sind und von der Bevölkerung abgelehnt werden. Das ist nicht die Regel, kommt aber immer häufiger vor.
Wer sich also unter diesen Rahmenbedingungen das Arbeiten im Ausland immer noch vorstellen kann, für sich selber entschieden hat, ob er eher der Nothelfertyp ist oder ob ihm eher die Bedingungen der EZ entsprechen, sollte sich um die Auswahl der potenziellen Arbeitgeber kümmern. Die Frage nach Gutachteraufträgen stellt sich in den Anfangsjahren noch nicht. Hier kommt man erst nach mehrjähriger Berufserfahrung im Ausland in Betracht.
Passe ich zur Organisation?
Häufig erlebt man in Bewerbungsgesprächen, dass sich der Bewerber nicht mit dem Arbeitgeber und dessen Mandat oder Profil auseinandergesetzt hat. So wie jeder herausfinden muss, welches Arbeitsfeld im Ausland das richtige ist, genauso wichtig ist es, eine Organisation oder einen Arbeitgeber zu finden, zu dem er passt. Die Unterschiede der Organisationen werden häufig unterschätzt. In der Auslandstätigkeit wird man nicht nur als Fachkraft gesehen, sondern als Vertreter der jeweiligen Organisation oder Institution mit ihren Zielen und Mandaten. Geht man zum Beispiel als Rotkreuz-Delegierte in einen Einsatz, vertritt man neben seiner Fachlichkeit auch bzw. vor allem die Genfer Konventionen. Dank des Internets ist es heute einfach, sich über die jeweilige Organisation, für die man sich interessiert, zu informieren. Leicht lässt sich herausfinden, wo deren Schwerpunkt liegt und wie sie in unterschiedlichen Kontexten agiert.
Neben den Organisationen der humanitären Hilfe gibt es viele andere Akteure, die Fachpersonal ins Ausland entsenden. Dazu gehören staatliche und konfessionelle Entwicklungsdienste, staatliche Organisationen, politische Stiftungen, Consulting-Unternehmen und andere Nichtregierungsorganisationen (NROs). NROs führen meist eigene Projekte durch, die durch Spenden oder Bundesmittel gefördert werden. Sie können unter Bedingungen arbeiten, wo eine bilaterale staatliche Zusammenarbeit nicht möglich ist. Ein aktuelles Beispiel ist hier Simbabwe. Staatliche Organisationen oder Unternehmen wie beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) sind vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) mit der Um-setzung von Vorhaben der Bundesregierung beauftragt.
NROs bieten für Oecotrophologen ein großes Stellenangebot. Auf der Website von VENRO (
www.venro.de/), dem Dachverband der deutschen NROs, finden Interessierte eine Übersicht aller wichtigen deutschen Organisationen. Hier finden sich nicht nur die Kontaktadressen und Links zur jeweiligen Homepage, sondern auch eine kurze Beschreibung der jeweiligen Organisation mit ihrem Arbeitsschwerpunkt. Auch die Homepage des Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee unter
www.entwicklungsdienst.de/ bietet einen guten Überblick über die verschiedenen Akteure. Zusätzlich findet man eine Stellenbörse, die unter anderem auch einen Freiwilligendienst und Praktikumsmöglichkeiten beinhaltet.
Stellensuche im Internet
Darüber hinaus gibt es natürlich zahlreiche internationale Organisationen, bei denen auch und vor allem deutsche Oecotrophologen willkommen sind. Sie bieten besonders Einsteigern bessere Möglichkeiten, als dies in Deutschland der Fall sein mag. Stellenbörsen im Internet sind gut bestückt mit Jobofferten. Interessiert man sich für Angebote von internationalen und ausländischen NROs, lohnt ein Blick auf das Reliefweb (
www.reliefweb.org/). In Deutschland sind vor allem die Internetseiten von epo (
www.epo.de/) interessant. Hier handelt es sich um einen entwicklungspolitischen Onlinedienst, der neben Auslandsberichten auch eine Stellenbörse betreibt. Für die katholischen Organisationen ist die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe als Personaldienst von Bedeutung, inklusive Stellenbörse und Weiterbildungsangebot. Im Internet unter
www.ageh.de/.
Welche Chancen haben Berufsanfänger im Arbeitsfeld humanitäre Hilfe? Wie immer ist aller Anfang schwer. Im Allgemeinen ist es wichtig, dass der Bewerber verdeutlicht, weshalb er sich für die Arbeit bei der jeweiligen Organisation interessiert. Anschreiben im Sinne von pauschalen Rundschreiben werden auf wenig Interesse stoßen. Die fachliche Kompetenz muss auf jeden Fall vorliegen, das heißt, im Studium sollte der Schwerpunkt der Ernährung in Entwicklungsländern gewählt worden sein. Voraussetzung ist allerdings auch, dass man bereits Auslandserfahrung nachweisen kann, am besten durch einen bereits erfolgten Aufenthalt im Rahmen des Studiums - zum Beispiel während der Diplomarbeit oder einer freiwilligen Projektarbeit. Förderlich ist zudem ein Praktikum, das man evtl. bei einer Organisation geleistet hat. Verläuft das Praktikum erfolgreich, führt dies in vielen Fällen sogar zu einer späteren Entsendung.
Hochschulen bereiten vor
Wer sich in puncto Entwicklungshilfe weiterbilden möchte bzw. ein Aufbaustudium in Erwägung zieht, sollte das Weiterbildungsangebot der AG Entwicklungshilfe unter die Lupe nehmen. Unter den Studiengängen gilt das einjährige Seminar für Ländliche Entwicklung an der Humboldt Universität in Berlin (
www.berlinerseminar.de/) als empfehlenswerter Tipp. Sehr positiv bewertet wird, dass die Studierenden mittels einer Projektarbeit Auslandserfahrung gewinnen und damit gute Möglichkeiten für eine Beschäftigung erhalten. Daneben bietet die Universität Bochum den 16-monatigen Masterstudiengang NOHA (Humanitarian Assistance), der jedoch nicht das Fachwissen in Ernährung vertieft, sondern auf Managementpositionen vorbereitet. Ein Pflichtpraktikum, das bei einer Organisation zu absolvieren ist, öffnet meist auch die Türen für eine spätere Beschäftigung. Des Weiteren kann man sich auch auf dem Gebiet des Managements in Non Profit-Organisationen weiterqualifizieren. Hier bieten die Universitäten Freiburg, Münster und Osnabrück ein Studienangebot.
Wer sich fachlich weiter qualifizieren möchte, findet unter
www.studyingdevelopment.org/ eine Auflistung von Aufbaustudiengängen in den englischsprechenden Ländern. Eine renommierte, leider auch teure, Option ist der Masterstudiengang in Public Health Nutrition an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Ein Abschluss an dieser Universität verschafft gute Einstiegs-chancen. Daneben bietet inzwischen die FH Fulda als einzige deutsche Hochschule den Studiengang Public Health Nutrition mit dem Abschluss Master of Science (M.Sc.) an. Hier lohnt es sich, die jeweiligen Studienangebote zu vergleichen.
Eine Garantie auf Anstellung nach Absolvierung eines zusätzlichen Aufbaustudiengangs gibt es allerdings nicht. Wichtiger ist, sich auf seine passenden und potenziellen Arbeitgeber gut vorzubereiten und diese auf Veranstaltungen gezielt anzusprechen. Ein guter Tipp ist der jährlich in Berlin stattfindende Humanitäre Kongress. Hier stellen sich die wichtigsten Akteure der humanitären Hilfe vor und bieten Interessierten die Möglichkeit zu Gesprächen. Lohnenswert ist ebenfalls der Besuch von Fachveranstaltungen, auf denen sich gut Kontakte knüpfen lassen. Veranstaltungstermine findet man unter anderem bei
eine-welt-netznrw.de/ oder auf den Internetseiten von
www.epo.de/ und
www.venro.de/.
Vorbereitungskurse für den Einsatz
Hat man den Einstieg in die humanitäre Hilfe geschafft - was passiert danach? In der Regel geht es dann ziemlich zügig voran. Innerhalb weniger Wochen - manchen fast zu schnell – bieten die Organisationen, die in der humanitären Hilfe tätig sind, Vorbereitungskurse an. Hier werden Grundwerte der humanitären Hilfe vermittelt, interkulturelle Kommunikation geübt, Managementaspekte, interne Vorgaben und Regeln vorgestellt sowie praktische Tipps für den Einsatz mitgegeben. Viele Organisationen bieten auch ein Sicherheitstraining an, in dem das Fahren mit dem Allradfahrzeug auf schwierigem Gelände geübt wird, Verhalten bei einer bewaffneten Straßensperre und anderes erprobt wird.
Nach diesem Einführungskurs geht es meistens auch schon los mit den Ausreisevorbereitungen. Es ist üblich, dass der Arbeitgeber - neben dem Gehalt - für ein Versicherungspaket im Ausland sorgt, die Kosten für die Tropentauglichkeitsuntersuchung übernimmt und den Ausreisenden mit den notwendigsten Dingen wie Moskitonetz und Reiseapotheke versorgt. Auch die Kosten für die Malaria-Prophylaxe übernimmt in der Regel der Arbeitgeber. Vor Ort sorgt er dann für eine entsprechende Unterkunft, die je nach Organisation frei oder mit Kostenanteil zu tragen ist. Bei einigen Organisationen wird für den täglichen Lebensunterhalt ein Tagegeld im Ausland ausbezahlt, um die Mitnahme von größeren Bargeldbeträgen zu vermeiden. Im Ausland ein privates Bankkonto einzurichten und vor allem später wieder zu schließen, kann zum Kraftakt werden und ist bei kurzen Einsätzen nicht lohnenswert.
Das Gehalt kann sehr stark variieren und ist von der entsendenden Organisation abhängig. Wenn es sich um eine NRO handelt, wird meistens nach öffentlichem Tarif (ehemals BAT), oder ein Unterhaltsgeld bezahlt. Die Gehaltszahlungen sind meist nicht steuerbefreit, da die Einsätze entweder von kurzer Dauer sind, oder kein Doppelbesteuerungsabkommen mit dem entsprechenden Land existiert. Es gilt: die entsendenden Organisationen dürfen selber keine Beratung in diesen Belangen anbieten, verweisen jedoch auf sachkundige Berater.
Zurück ist nicht vorbei
Nach Beendigung des Einsatzes gibt es bei der entsendenden Organisation meist ein ausführliches Debriefing, das je nach Einsatzart individuell oder mit dem gesamten Team, das im Ausland war, ausgewertet wird. Auch eine Tropennachuntersuchung ist obligatorisch und wichtig, da nur auf diesem Weg bei einer im Ausland zugezogenen chronischen Erkrankung ein eventueller Anspruch bei der Berufsgenossenschaft geltend gemacht werden kann.
Während in der EZ nach Beendigung der Auslandstätigkeit eher auf eine berufliche Wiedereingliederung in Deutschland gedrängt wird, ist es in der humanitären Hilfe üblich, nach der Rückkehr eine baldige Wiederentsendung ins Auge zu fassen. Hier muss man selbst auf sich achten und auf genügende Pausen drängen, um nicht zum Desaster-Junkie zu werden oder von einem Burnout eingeholt zu werden.
Obgleich nicht die Regel, bieten sich jedoch auch Möglichkeiten, eine Beschäftigung am Sitz der Organisation zu finden. Denkbar sind Tätigkeiten im fachlichen Bereich oder im Management. Es gibt also gute Gründe, sich für das Arbeitsfeld humanitäre Hilfe oder Entwicklungszusammenarbeit zu interessieren!
Regina Schäfer-Radojicic, Berlin

Regina Schäfer-Radojicic, Oecotrophologin, arbeitete 15 Jahre lang im Bereich Auslandshilfe, vorwiegend in humanitären Einsätzen der Rotkreuzbewegung in Afrika und auf dem Balkan. Seit Anfang des Jahres 2007 leitet sie das Sachgebiet Afrika beim Deutschen Roten Kreuz.
Deutscher Akademischer Austauschdienst:
www.daad.de/
International Education Center (IEC):
www.ieconline.de
Auslandspraktika:
www.auslandspraktikum.org/
Emergency Nutrition Network
(liefert Berichte aus der praktischen Berufswelt der Oecotrophologen, die im Ausland tätig waren):
www.ennonline.net
Overseas Development Institut (berichtet über humanitäre Themen):
www.odihpn.org/
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