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Ernährungsbildung im Supermarkt

Franziska Gimmler, Foto: J. Bünting AG

Porträt Franziska Gimmler

Erschienen in der VDOE-POSITION 4/2009

Sie betreuen als Trophologin den Ernährungs- und Beratungsservice der Bünting Unternehmensgruppe*. Fühlen Sie sich damit als Pionier in der Handelslandschaft?
Als ich meine Stelle vor gut 1 ½ Jahren angetreten habe, gab es zwar die ganz konkrete Vorstellung, Ernährungsberatung in den Märkten fest zu etablieren. Nach meinem Einstieg konnte ich aber als erste Inhaberin dieser Stelle die praktische Ausgestaltung sehr stark selbst mit gestalten. Da sich in den deutschen Supermärkten hinsichtlich Aufklärung und Beratung noch wenig tut, sehe ich mich schon als Vorreiterin.

... oder eher doch als Versuchskaninchen?
So habe ich mich nie gesehen oder gefühlt. Bünting ist ein sehr nachhaltiges und im positiven Sinne konservatives Unternehmen. Hier stellt man keine Leute ein, schaut zwei Monate, wie das klappt – und dann war’s das. Die Aufgabe der Ernährungsbildung in unserem Haus war von vornherein sehr langfristig angedacht. Es ist viel nachhaltiger, wenn man ein Projekt langsam aufbaut, obwohl es vielleicht nicht sofort Zusatzumsatz bringt.

Was bringt die Ernährungsbildung, wenn sie keinen Umsatz bringt? Der Handel ist schließlich kein Wohlfahrtsverein. 
Sie steigert die Kundenzufriedenheit, stärkt die Kundenbindung und führt spezielle, hochinteressante Zielgruppen wie z. B. Schüler an unsere Märkte heran. Viele Kunden kommen tatsächlich nur wegen der Ernährungsberatung in den Markt. Während unserer Aktionen, die im Kundenmagazin, im Handzettel und durch Plakate angekündigt werden, kommen manche Kunden mit einer ganzen Liste von Fragen, die sie dann abarbeiten mit mir. Dabei ist mein Beratungsalltag über die themenbezogenen Spezialaktionen hinaus unglaublich vielseitig und spannend – angefangen von der Telefonberatung und der Beantwortung schriftlicher Fragen über die Betreuung der umfangreichen Inhalte der Combi- und famila-Websites zu Ernährungsthemen bis hin zu Mitarbeiterschulungen und unserer „Markt Rallye“ – das ist ein Angebot vor allem für Schulen: eine Doppelstunde direkt im Markt als praxisorientierte Ergänzung zum Ernährungskundeunterricht.

Beraten Sie produktneutral?
Wir wollen ganz bewusst neutrale Aufklärungsarbeit leisten, ohne jede Bindung an Hersteller. In meinen Aussagen halte ich mich grundsätzlich an die Position der DGE. Alles andere ginge auf Kosten der Glaubwürdigkeit – schließlich kann man unsere Kunden nicht für dumm verkaufen. Erziehen kann und will ich die Kunden nicht. Aber mir ist wichtig, dass das, was ich mache, fundierte Ernährungsberatung ist. Es ist nicht mein Auftrag, irgendwelche Produkte loszuwerden.

Sehen Sie Chancen für Oecotrophologen, in ähnlicher Funktion bei anderen Handelsunternehmen einzusteigen. 
Gesunde Ernährung wird auch für den Handel immer wichtiger. Allerdings gestalten sich die Rahmenbedingungen oft schwierig. Denken Sie an die Restrik tionen, die z. B. die Health-Claims- Verordnung mit sich bringt. Dadurch ist uns oftmals untersagt, konkrete Empfehlungen auszusprechen. „Esst mehr Obst und Gemüse“ – das darf ich so nicht sagen. Den Einsatz der Ernährungspyramide mussten wir juristisch abklären lassen, da man ja auch die Pyramide als Verzehrsempfehlung betrachten kann. Dadurch werden dem Handel viele Steine in den Weg gelegt. Das ist sehr frustrierend und lähmt jede Bemühung in Richtung auf mehr Ernährungsberatung.

Die Vollakademikerin als Mädchen für alles rund um die Ernährung im Supermarkt – das stört sie nicht? 
Überhaupt nicht! Menschen zu beraten, denen der Arzt das Abnehmen verordnet hat, die aber selbst überhaupt keine Lust dazu haben – das habe ich während eines Praktikums erlebt. Diese Art von Ernährungsberatung hätte mich nicht glücklich gemacht. Hier ist das Thema ans Marketing angebunden, ich gehe auf Wünsche und Bedürfnisse der Kunden ein, ich kann zudem redaktionell tätig sein und referiere bei den Schulungen. Das ist unglaublich vielseitig und ich bin trotzdem nah am Kunden dran. Deswegen macht mich diese Arbeit froh.

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

 

* Die J. Bünting Beteiligungs AG ist ein Handelsunternehmen in Nordwest-Deutschland mit Sitz in Leer (Ostfriesland) und mehr als 9.000 Beschäftigten. Mit ca. 70 Combi- und etwa 20 famila-Märkten nimmt das Familienunternehmen, das vor allem auch durch seinen Teehandel bekannt ist, eine führende Marktposition in seiner Region ein.
Internet: http://www.famila-nordwest.de (Menüpunkt 'Gesunde Ernährung').

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