Oecotrophologen in der Pharmaindustrie

Viele Einsatzmöglichkeiten mit guten Karrierechancen für Quereinsteiger

 Erschienen in der VDOE POSITION 1/2006

Oecotrophologie und Pharmaindustrie - vor etwa 25 Jahren waren das zwei Welten, die sich fremd gegenüber standen. Inzwischen sind die beiden Bereiche näher zusammengerückt. Viele Oecotrophologen sind heute in der Pharmaindustrie tätig - nicht nur als Pharmaberater.

Die Tätigkeitsfelder in der Pharmaindustrie sind sehr vielfältig und bieten Oecotrophologen eine Reihe von interessanten Aufgaben. Neben der Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln liegen die Arbeitsschwerpunkte der pharmazeutischen Industrie im Marketing und Vertrieb bzw. in der Zulassung von Arzneimitteln. Der häufigste Einstieg für Oecotrophologen in die Pharmaindustrie ist  über den Vertrieb - als Pharmareferent. Hier sind vor allem kommunikative Fähigkeiten mit gutem medizinischen Hintergrund gefragt.

Einstieg als Pharmareferent

Als Pharmareferent besuchen Oecotrophologen Ärzte und Apotheken im niedergelassenen Bereich oder in den Kliniken und "verkaufen" Arzneimittel. Zum Teil organisieren sie auch Fortbildungsveranstaltungen. Ansprechpartner sind dabei Ärzte, Apotheker und mittlerweile auch Pflegekräfte aus Krankenhäusern und Arzthelfer. Je nach Hersteller werden Schulungen zu den Themen Diabetes und Ernährung, Hypertonie, Asthma, Rheuma oder Vitamine und Mineralstoffe angeboten. Die Nachfrage nach Patientenschulungen steigt. Meist organisieren Pharmareferenten bzw. Außendienstkollegen die Schulungen und führen die Veranstaltungen selbst durch. Eine Tätigkeit im Außendienst ist sehr abwechslungsreich. Allerdings ist ein großes Maß an Eigeninitiative und Selbstständigkeit erforderlich.

Ein weiteres interessantes Tätigkeitsfeld findet sich in der Marketingabteilung: im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich (Med.-Wiss.) oder im Produktmanagement. Die Med.-Wiss.-Abteilung zeichnet sich durch ein vielfältiges Spektrum an Aufgaben aus. Sehr häufig finden sich hier Mediziner, Pharmazeuten, Biologen und Oecotrophologen, um wissenschaftliche Anfragen von Seiten der Ärzte bzw. Apotheker zu beantworten. Oft sind die Mitarbeiter in der Med.-Wiss. auch für die Betreuung der Hotline für Patientenanfragen zuständig. Hier werden sowohl Fakten bezüglich Medikamenten und Therapie vermittelt als auch Fragen der Patienten beantwortet. Die Fachleute der Med.- Wiss.-Abteilung arbeiten sehr intensiv mit ihren Kollegen aus der Abteilung Zulassung zusammen. Häufig werden sie bei der Planung und Betreuung von Studien eingebunden und kooperieren bei fachlichen Fragen eng mit dem Produktmanagement. Teamorientiertes Arbeiten ist dabei unerlässlich. Abstimmungen mit Kollegen und das gemeinsame Arbeiten in Projekten zeichnet die Tätigkeit aus.

Produktmanagement: interdisziplinär wie die Oecotrophologie

Produktmanager unterstützen vor allem die Arbeit des Vertriebs und erstellen Besprechungsunterlagen. Darüber hinaus entwickeln sie strategische Vorgaben für die Bewerbung des zu betreuenden Produktes für den Außendienst. Die Entwicklung von Vermarktungskonzepten, oft in Zusammenarbeit mit Agenturen bzw. Dienstleistern, ist eine der Hauptaufgaben im Produktmanagement. Hinzu kommen Budgetverantwortung, und Planung, Organisation und Durchführung wissenschaftlicher Symposien auf Kongressen. Zum Aufgabenspektrum gehören außerdem: Kontakte zu Meinungsbildnern aufbauen und pflegen, kleinere Studien in Zusammenarbeit mit der Med.-Wiss.-Abteilung konzipieren bzw. betreuen und die Pressearbeit in den Medien koordinieren. Des Weiteren werden die Zusammenarbeit mit Patientenverbänden gepflegt und umgesetzt sowie Broschüren und andere begleitende Maßnahmen für Patienten gestaltet.

Gerade im Produktmanagement spielt die Koordinierung von teamübergreifendem und projektbezogenem Arbeiten eine wichtige Rolle. Kommunikative Fähigkeiten und operative Kenntnisse vom Vertrieb sind für das Produktmanagement häufig Voraussetzung, sodass Außendiensterfahrung für Positionen im Produktmanagement oft unerlässlich ist. Die Arbeit eines Produktmanagers ist sehr facettenreich und spiegelt im Pharmabereich am besten die interdisziplinäre Ausrichtung des Studienfaches Oecotrophologie wider. Medizinische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse sowie Erfahrungen in der Gesundheits- und Verbraucherpolitik sind hier gefragt.

In einigen Unternehmen gibt es zusätzlich die Möglichkeit, sich im Bereich Marktforschung zu etablieren. Oft werden eigene Marktforschungsergebnisse erhoben, häufig auch in Zusammenarbeit mit externen Agenturen. Aufgaben hierbei sind Erstellung und Ausarbeitung von Fragebögen, Durchführung von Interviews sowie Auswertungen von Umsatz und Marktzahlen.

Als PR-Berater

Des Weiteren wird Öffentlichkeitsarbeit (PR) für die Pharmabranche immer wichtiger. In diesem Bereich können Oecotrophologen ihren naturwissenschaftlichen Hintergrund und ihre kommunikativen Fähigkeiten anwenden. Dabei gilt es, den Kontakt zwischen Unternehmen und Kunden herzustellen, zu festigen oder auszubauen. Pressearbeit gehört genauso dazu wie Mediengestaltung und interne Kommunikation. Als Arbeitgeber fungieren hier nicht nur die Pharmaunternehmen selbst, sondern auch PR-Agenturen, die sich auf den Healthcare-Bereich spezialisiert haben.

Zusätzlich sind für jedes Unternehmen Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung unerlässlich, um eine konstante Produktqualität sicherzustellen. Auch hier sind Oecotrophologen gefragt, ihr Wissen einzubringen. Sie sind verantwortlich, Konzepte zu erstellen - wie zum Beispiel zu HACCP - und Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse zu optimieren.

Die Aufgabenbereiche in der Forschung und Entwicklung bzw. in der Zulassung oder auch Dokumentation werden in der Regel eher von Pharmazeuten, Biologen oder Biochemikern besetzt. Sie stellen demnach seltener Betätigungsfelder für Oecotrophologen dar.

Oecotrophologen gefragt

Die Einschätzung der beruflichen Chancen der Oecotrophologen in der Pharmaindustrie des Personalleiters der Merck Pharma GmbH, Michael Breig, bestätigt: das interdisziplinär angelegte Studium bietet große Vorteile. Oecotrophologen bringen eine breit angelegte Ausbildung mit. Dadurch sind sie besonders für die Positionen geeignet, an denen sie als Schnittstellenpartner zwischen Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Brücken bauen können. In der Pharmaindustrie sind Oecotrophologen vor allem im Pharma-Außendienst, im Produktmanagement und im Qualitätsmanagement anzutreffen.

Auch der Verband der Oecotrophologen beobachtet den Stellenmarkt im Pharmabereich seit einigen Jahren. Die Anzahl der Stellenangebote für Oecotrophologen schwankt jährlich, wobei die Verteilung auf die verschiedenen Arbeitsbereiche gleich geblieben ist. Insgesamt ist die Anzahl der Ausschreibungen von Seiten der Pharmaindustrie, die explizit Oecotrophologen suchen, seit Jahren rückläufig. 2004 lag mit 144 Ausschreibungen ein Rückgang von 20 Prozent zum Vorjahr vor. Dr. Elvira Krebs, Geschäftsführerin des VDOE, bemerkt hierzu: "Es werden immer häufiger mehrere Stellen in einer Anzeige ausgeschrieben. Deshalb bedeutet der Rückgang der Anzeigenschaltungen noch keinen Rückgang an Stellenangeboten für Oecotrophologen."

Steigender Einfluss der Krankenkassen

Insgesamt bietet die Pharmaindustrie eine recht große Palette an beruflichen Perspektiven, die sich zum Teil erst dann richtig erschließen, wenn Erfahrungen in verschiedenen Bereichen gesammelt wurden. In den nächsten Jahren stehen viele interessante Änderungen an, die sich aus den gesundheitspolitischen Interventionen der Bundesregierung ergeben. Als Stichwort sei hier die so genannte "integrierte Versorgung" genannt, die den ambulanten Bereich mit dem klinischen Bereich stärker verzahnen soll. Diese strukturellen Veränderungen haben sehr großen Einfluss auf die verschiedenen Aufgabenfelder innerhalb der Pharmaindustrie, da diese politischen Einflüsse vor allem die strukturellen Gegebenheiten des deutschen Gesundheitswesens verändern werden. Einzelne Ärzte oder Zusammenschlüsse von niedergelassenen Ärzten oder Kliniken und Apotheken können Verträge mit Kassen über Versorgungsleistungen schließen. Damit differenziert sich aus Sicht der Pharmaindustrie die bisherige Kundenstruktur erheblich. Die Vertriebsstruk turen und die Aufgaben der Mitarbeiter im Außendienst werden sich ändern. Aus diesem Grund müssen neue Strategien entwickelt werden, um ein zielgruppengerechtes Marketing für die Produkte zu gewährleisten.

Ein weiteres mögliches Einsatzfeld für Oecotrophologen bietet die pharmazeutische Industrie zukünftig in der Gesundheitspolitik. Immer stärker können Krankenkassen in die therapeutischen Freiheiten der Ärzte eingreifen und werden damit eine wichtige Zielgruppe für die Pharmaindustrie.

Das GMG (GKV-Gesundheitsmodernisierungsgesetz), das seit 1. Januar 2004 in Kraft ist, eröffnet den Krankenkassen eine Reihe von wettbewerbsorientierten Vertragsgestaltungsoptionen. Diese werden zunehmend und immer intensiver genutzt. Über die verschiedenen Vertragsmodelle ist es den Kassen möglich, Einfluss auf ärztliche Entscheidungen zu nehmen, zum Beispiel welche diagnostischen und therapeutischen Verfahren bevorzugt zur Anwendung kommen sollen. Die Kassen können im Zuge dessen auch bestimmte Qualitätsstandards und Qualitätssicherungsinstrumente einfordern.

Vom Payer zum Player

Mit den vertraglich vereinbarten Versorgungsformen haben die Kassen erstmalig in nennenswertem Umfang die Möglichkeit, vom "Payer" zum "Player" in der medizinischen Versorgung ihrer Versicherten zu werden. Zugleich nehmen die Entscheidungsspielräume der Ärzte zugunsten der von den Kassen geförderten Leistungen ab. Das GMG mit seinen neuen vertraglichen Möglichkeiten bringt mehr Wettbewerb unter den verschiedenen Leistungserbringern und damit unter allen Beteiligten im Gesundheitswesen. Ziel dieser Vertragsoptionen ist es, den Leistungs- und Qualitätswettbewerb zwischen Kassen, aber auch zwischen Leistungserbringern anzuregen und damit eine Verbesserung der Qualität und der Wirtschaftlichkeit zu erzielen.

Dies alles verändert das bisherige Vorgehen der Pharmaindustrie gegen-über Ärzten, Kliniken, gegenüber Apothekern, Krankenkassen und auch Patienten. Dies bedeutet ein hohes Veränderungspotenzial und spannende berufliche Aussichten im Bereich Pharma für alle Beteiligten.

Dr. Christine Schulte-Knörzer, Darmstadt

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Die Autorin: Dr. Christine Schulte-Knörzer

Weitere Informationen

Infoportal für Pharmaberater:
www.pharmaberater.de/

Verband forschender Arzneimittelhersteller e.V.:
www.vfa.de/

Berufsverband der Pharmaberater:
www.pharmaberater-bdp.de/

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