Ernährungspsychologie in Beratung und Therapie

6. Adipositas-Netzwerktreffen in Frankfurt

Erschienen in der VDOE POSITION 2/11

Am 5. Februar 2011 trafen sich 28 Mitglieder des VDOE-„Adipositas-Netzwerkes“ in Frankfurt, um mehr über die psychologischen Ursachen der Adipositas und deren Auswirkungen auf die Therapie zu erfahren. Adipositas wird in der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10)“ als „Endokrine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit“ geführt – und nicht, wie andere Essstörungen, im Kapitel der „Psychischen- und Verhaltensstörungen“. Wer in der Adipositas-Therapie tätig ist, weiß, dass die Entstehung der Adipositas multifaktoriell ist, wobei psychologische Aspekte eine große Rolle spielen.

Zunächst berichtete Dipl. Oec. throph. Sylvia Becker-Pröbstel über Erfolgsfaktoren in der Adipositas-Therapie. So sei es schon als Therapieerfolg zu werten, wenn 5% Ge wichtsabnahme 1 Jahr lang gehalten werden. Dabei zeigen die wenigen Studien zum Langzeiteffekt der Adipositas -Therapie, dass die Erfolge gering sind, so Becker-Pröbstel. Was sind die Gründe hierfür? Die Expertin sieht einerseits in gesellschaftlichen Faktoren und andererseits zu kurzen Behandlungszeiten die wichtigsten Ursachen dafür. Adipositas-Therapie müsse eigentlich ein lebenslanger Prozess sein, erfolge dagegen in der Regel nur als kurzfristige Intervention. Die vielfältigen gesellschaftlichen Faktoren wie Familie, Peergroup, Partner u.a.m. lägen dabei leider meistens außerhalb des Einflussbereiches einer Therapie. Therapeuten sollten deshalb nicht alleine ihre eigenen Maßnahmen für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich machen, um Frustrationen zu vermeiden, die den Behandlungsprozess belasten. Wichtig sei, in allen Phasen die Komplexität der Erkrankung nicht aus den Augen zu verlieren.

ADIPOSITAS: GROßE HERAUS - FORDERUNG FÜR THERAPEUTEN


Dipl.-Päd. Jutta Kolletzki, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus Frankfurt, ging im Anschluss auf tiefenpsychologische Hintergründe der Adipositas ein. Demnach können Erlebnisse in der Kindheit das Essverhalten verändern, da Leib und Seele miteinander verbunden sind. Werden solche frühen Krisen nicht bewältigt, müssen sie oft im Erwachsenenalter noch bearbeitet werden – z. B. durch die Analyse der traumatischen Erlebnisse und durch Verhaltenstherapie. Auch körperorientierte Verfahren oder systemische Therapien können helfen. Die Entscheidung für eines dieser Behandlungsverfahren hängt dabei immer von der Beurteilung des Einzelfalles ab. Essen, so Kolletzki, hat neben der Nahrungszufuhr auch psychische Funktionen. Es vermittelt z. B. Geborgenheit, Sicherheit und Wärme. Es dient der Bekämpfung von Angst und ist ein Ventil für Wut und Ekel. Ablehnung von Essen kann für den Wunsch nach Reinheit, nach aktiver Körperformung oder nach Spannungsabbau stehen. In diesem Zusammenhang lassen sich auch Essstörungen und ihre Bedeutung interpretieren. Jutta Kolletzki führte aus, dass Essstörungen Überlebensstrategien oder Notsignale sein können – oder aber Selbstzerstörung bis hin zum Krieg gegen den eigenen Körper. Magersüchtige wiederum bewerten alle Bedürfnisse als schlecht und versuchen, diese bzw. den eigenen Körper zu kontrollieren. In der Bulimie erschienen die Betroffenen nach außen hin angepasst, finden aber alles im wahrsten Sinne des Wortes „zum Kotzen“. Die Esssucht dagegen ist durch die Gewichtszunahme auffällig sichtbar – und unsichtbar zu - gleich. Sie bedeutet Entblößung und Schutz gleichermaßen, so die Referentin, und ist häufig mit einem „Hinunterschlucken von Gefühlen“ verbunden. Man macht sich hässlich – und schützt sich damit.

Kolletzki empfiehlt, in der Beratung und Therapie auf die Psychodynamik des jeweiligen Falles zu achten. Übertragung und Gegenübertragung können dabei häufig Ursache von Problemen in der Behandlung sein. Schafft es der Therapeut nicht, solche Übertragungen im Sinne des Klienten zu bearbeiten, kann es schlimmstenfalls zum Abbruch der Therapie ohne offensichtlichen Grund kommen. Diese und andere therapeutische Besonderheiten machen die Arbeit mit Essgestörten/Adipösen zu einer anstrengenden und oft frustrierenden Angelegenheit. Wer auf diesem Gebiet erfolgreich arbeiten will, muss viel dafür tun, rät Jutta Kolletzki: Je mehr man über die psychologischen oder psychodynamischen Aspekte weiß, desto besser kann man hilfreiche Interventionen finden, die tatsächlich kleinere und größere Veränderungen im Alltag auslösen und stabilisieren. Mit Fallbeispielen und Gesprächen beendeten die Teilnehmer das wieder einmal sehr interessante Netzwerktreffen.

Kirstin Raeder

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