ÖG Berlin / Brandenburg: Eingeengtes Denken bei Patienten mit Anorexia Nervosa

(12.03.14) 

Zum letzten Treffen der ÖG im Jahr 2013 hatte die ÖG Gelegenheit, mehr über die Forschung und Arbeit der Psychologin Viola Kappel zu erfahren. Zum Termin trafen sich 20 VerbandskollegInnen im angestammten Klub AUFSTURZ in Berlins Mitte.

Viola Kappel, die sich unter anderem in ihrer Forschungsarbeit an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité-Universitätsmedizin Berlin mit essgestörten Jugendlichen befasst, berichtete zunächst von der Klassifikation der Anorexia Nervosa (AN) bei Kindern und Jugendlichen. Eine tiefverwurzelte Angst vor Gewichtszunahme, absichtlich herbeigeführter Gewichtsverlust (15 % unter dem erwarteten Gewicht), verbunden mit dem Ausbleiben der Menstruation, sind wichtige Zeichen für das Vorhandensein des Krankheitsbildes. Statistisch betrifft es < 1 % der jungen Frauen und Männer.

Ein multifaktorielles Ätiologiemodell der AN besagt, das bestimmte Persönlichkeitseigenschaften in der Kindheit (Stimmungsschwankungen, Perfektionismus und Zwanghaftigkeit) in der Pubertät zu vermehrtem Stress und zu vermehrt negativen Gefühlen führen können. Als Reaktion auf die entwicklungsbedingte Zunahme des Körperfettanteils in der Pubertät führen viele Mädchen Diäten durch. Das Diätverhalten kann sich bei einem Teil der jungen Menschen manifestieren, wenn hierdurch ein Gefühl der Kontrolle über die Situation erlebt wird. Negative Gefühle nehmen kurzfristig ab und das Gewicht wird reduziert. Durch sehr starken Gewichtsverlust können neurobiologische Veränderungen auftreten, die Rigidität, Depression und Zwanghaftigkeit und somit den Diät-Kontroll-Zyklus begünstigen. Die Chronifizierungsrate der AN liegt bei 30 %, etwa ein Drittel der Betroffenen gesunden wieder und ca. ein Drittel behält subklinische Symptome einer Essstörung. Die Mortalitätsrate wird auf 5 % geschätzt.
Bei Betroffenen mit AN bildet sich häufig eine Pseudoatrophie der grauen Gehirnsubstanz aus, die sich nach Genesung zurückbilden kann. Die genauen Mechanismen werden derzeit erforscht. Ausführliche Informationen finden sich u.a. bei Kappel et al. (2014, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24365962).

Nachdem Viola Kappel von der klassischen Therapie berichtete, stellte sie den ergänzenden, neuen Ansatz Cognitive Remediation Therapy (CRT) vor. Dieser baut darauf auf, dass AN-Patienten bestimmte neuropsychologische Profile und eingeengte Handlungsweisen vorweisen. Zu den klinischen Merkmalen gehören Zähigkeit, Rigidität, Perfektionismus, Schwarz-Weiß-Denken und Rituale. Mit der CRT wird versucht, auf den Prozess des Denkens Einfluss zu nehmen und hierdurch neue Handlungsweisen zu ermöglichen. Dies geschieht im Ansatz der CRT durch drei Bausteine:
1. kognitive Übungen und Spiele
2. Reflexion eigener Denkmuster
3. Anwenden neuer Handlungs- und Denkstrategien im Alltag.
Durch den Transfer neuer Mechanismen in den Alltag wird ermöglicht, kleine Veränderungen vorzunehmen und größere Herausforderungen im Alltag zu meistern.
 
Der sehr spannende Vortrag zog eine weitere Diskussionsrunde im großen und kleinen Kreis nach sich. Ich möchte mich nochmals sehr für diesen spannenden Abend bei der Referentin bedanken!

Dr. Eva Scharfenberg

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