Im Supermarktregal findet sich der Nutri-Score mittlerweile an allen Produkten von insgesamt 1.500 Marken. Er ist Teil der vereinfachten Lebensmittelkennzeichnung und ordnet auf einen Blick den Nährwert eines Produkts ein – intuitiv, einfach und schnell.
Die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher kennen den Nutri-Score, doch nur wenige nutzen ihn in ihren Kaufentscheidungen. Eine aktuelle Studie gibt Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die in der Ernährungsberatung, der Kommunikation oder in Projekten tätig sind auf den Weg: 71% der Befragten wünschen sich bessere Erklärungen zum Nutri-Score. Das Potenzial des Nutri-Scores ist bisher nicht ausgeschöpft.
Was kann der Nutri-Score?
Der Nutri-Score befähigt Menschen dazu, gesündere Kaufentscheidungen zu treffen. Über seine wissenschaftlich fundierte Berechnungsformel fasst er ernährungsphysiologisch günstigere und ungünstigere Nährwertgehalte eines Lebensmittels zu einem Score zusammen. Der errechnete Score wird dann auf der Vorderseite der Verpackung als fünfstufige Farb-Buchstaben-Kombination angezeigt.
Kurz gesagt gilt: Je grüner, desto günstiger! Ein Lebensmittel mit einem grünen A hat eine ernährungsphysiologisch günstigere Zusammensetzung als eine vergleichbare Verzehralternative mit einem roten E. Er garantiert zwar keine gesunde, ausgewogene Ernährung – dafür sind schließlich auch frische, unverarbeitete Produkte wie Obst und Gemüse entscheidend – er ermöglicht aber bei verarbeiteten und vorverpackten Lebensmitteln den Vergleich und den Austausch mit gesünderen Produkten.
Aktuelle Studie: Warum nutzen bisher nur wenige Verbraucherinnen und Verbraucher den Nutri-Score beim Einkauf?
Eine aktuelle Studie von Zühlsdorf et al. im Auftrag von Foodwatch Deutschland hat im Rahmen einer Befragung erfasst, wie Verbraucherinnen und Verbraucher über den Nutri-Score denken. Sie erhoben dabei Einstellungen unter anderem zur Bekanntheit, dem Nutzungsverhalten oder dem Vertrauen.
Dabei herausgekommen ist, dass 91 Prozent der Befragten zwar den Nutri-Score kennen, wenn sie ihn sehen – allerdings ist nur 14 Prozent bewusst, dass er ihnen eine gesunde Lebensmittelauswahl ermöglichen würde. Im Alltag und im Kaufverhalten spielt er somit nur eine untergeordnete Rolle.
Wie sind Ernährungsberatung, -kommunikation und -praxis jetzt gefragt?
Erfahren konnte die Studie, dass 80 Prozent der Befragten unsicher sind, ob sie den Nutri-Score richtig anwenden. Gleichzeitig wünschen sich 71 Prozent bessere Erklärungen und mehr Informationen. Es besteht somit weiterer Kommunikationsbedarf, um das Wissen zu vertiefen und Vertrauen in den Nutri-Score aufzubauen, sodass er häufiger in Kaufentscheidungen einbezogen wird. Ein Fazit der Studie bringt es auf den Punkt: „Ohne stärkere Kommunikation bleiben die Wirkungen und damit der Gesundheitseffekt gering.“
Was fehlt in der aktuellen Kommunikation rund um den Nutri-Score?
Eine lose Internetrecherche im Rahmen eines Projekts 2024 hat gezeigt, dass viele Multiplikatorinnen und Multiplikatoren unterschiedlich und teilweise lückenhaft über den Nutri-Score berichten.
Wird auf die Vergleichbarkeit von Produkten in der Erklärung der Nutri-Score-Anwendung eingegangen, so wird häufig erläutert, das gleiche Produkte wie Müsli und Müsli oder Joghurt und Joghurt unterschiedlicher Marken oder auch unterschiedliche Sorten verglichen werden können. Die Vergleichsmöglichkeiten sind richtig – greifen aber zu kurz.
Denn: Mit dem Nutri-Score ist es ebenfalls möglich, Produkte mit Blick auf ganze Mahlzeiten zu vergleichen und entsprechend der Score-Bewertung auszutauschen. So können Verbraucherinnen und Verbraucher sehr wohl eine Tiefkühlpizza mit einem Pfannengericht oder einem Linseneintopf vergleichen, obwohl dies unterschiedliche Produktgruppen sind. Wenn sie diese zum selben Anlass verzehren würden, ermöglicht der Nutri-Score ihnen die gesündere – oder auch bewusst ungesündere – Produktauswahl. Dieser Aspekt wurde in der Kommunikation bisher wenig aufgegriffen, könnte aber eine niedrigschwellige Erklärung sein, um die Nutzung im Alltag zu steigern.
Was braucht es also?
Eine Handlungsempfehlung der Studie von Zühlsdorf et al. ist, eine Aufklärungskampagne durchzuführen, die zeigt, was der Nutri-Score umfasst oder auch nicht umfasst und warum er trotzdem insgesamt sinnvoll ist. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wird als Learning mit auf den Weg gegeben, Missverständnisse aktiv aufzugreifen, ohne sie zu verstärken. Statt stets Mythen zu vertiefen, sollten korrekte Funktionsweisen in den Vordergrund gestellt und wiederholt werden. Detailliertere Korrekturbotschaften, die neue und glaubwürdige Informationen über den Nutri-Score bereitstellen, seien effektiver als eine Botschaft, die die Fehlinformation lediglich als falsch bezeichnet. In niedrigschwelliger Sprache können Fehlinformationen vorsorglich vorweggenommen werden und Gegenargumente abgeschwächt werden. Letztendlich sollte als Ziel gesetzt werden, die Selbstwirksamkeit der Verbraucherinnen und Verbraucher zu stärken.
Kommunikationsmaterialien als konkretes Umsetzungsbeispiel
Verschiedene Kommunikationsmaterialien für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren stellen ein konkretes Umsetzungsbeispiel zur Vermittlung von Informationen über den Nutri-Score dar. Das Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN) stellt solche Materialien auf seiner Website zur freien Nutzung zur Verfügung. Dazu gehören Social-Media-Beiträge mit Kurzbeschreibung und Hashtags, kurze Erklärvideos für YouTube sowie ein Faktenblatt mit weiterführenden Hintergrundinformationen. In unterschiedlich aufbereiteten Formaten eignen sie sich für verschiedene Kommunikationskanäle und bieten eine kompakte Zusammenstellung zentraler Informationen zum Nutri-Score.
Quellen:
- Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen (ZEHN): Nutri-Score. zehn-niedersachsen.de/nutri-score
- Santé publique France (2025): Nutri-Score. https://www.santepubliquefrance.fr/en/nutri-score
- Santé publique France (2025): NUTRI-SCORE. Questions & Answers English version. https://www.santepubliquefrance.fr/media/files/02-determinants-de-sante/nutrition-et-activite-physique/nutri-score/q-a-en
- Hercberg, S.; Touvier, M.; Salas-Salvado, J. (2022): The Nutri-Score nutrition label. A public health tool based on rigorous scientific evidence aiming to improve the nutritional status of the population. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34311557/
- Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (2025): Hilfestellung für Unternehmen – Verwendung des Nutri-Scores. https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittel-kennzeichnung/freiwillige-angaben-und-label/nutri-score/naehrwertkennzeichnung-hilfestellungen.html
- Zühlsdorf, A., Jürkenbeck, K., Dittmann, A., Spiller, A. (2025): Wie Verbraucher:innen über den Nutri-Score denken. Wissenschaftliche Studie im Auftrag von Foodwatch Deutschland, Göttingen. https://www.zuehlsdorf-und-partner.de/