Der öffentliche Auftritt als Ernährungsexpert*in

Der öffentliche Auftritt als Ernährungsexpert*in

Für gut ausgebildete Ernährungsfachkräfte gibt es eine Menge interessante Jobs und Betätigungsfelder. Je nachdem, in welchem Bereich du arbeitest, kann es von Vorteil sein, dich selbst und dein Wissen von Zeit zu Zeit auch einmal einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen.

 

Zum einen erhöht ein öffentlicher (medialer) Auftritt die Sichtbarkeit unserer Berufsgruppe, zum anderen bedeutet er aber auch immer Werbung für dich persönlich und deine Arbeit. Wer in einem Konzern arbeitet, braucht Letzteres wahrscheinlich weniger als die selbstständigen Berater*innen – dennoch ist ein öffentliches Interview oder ein Artikel stets ein gutes Tool, um für sich selbst zu überprüfen/zu üben, welche Position man in bestimmten Fragestellungen vertritt und wie man Zusammenhänge allgemeinverständlich vermittelt.

Wie wird man Expert*in in Zeitung, Radio, TV, Internet?

Alles beginnt mit einem ersten Schritt. Und den solltest du möglichst auf vertrautem Terrain machen – sprich: in deinem Umfeld. So könntest du beispielsweise der lokalen Zeitung deines Wohnortes einen Artikel oder auch ein Interview zu einem trendigen Thema anbieten. Vegane Ernährung, Jackfruits, Insektenprotein, Health Claims sind Beispiele aus der Vergangenheit, die der Einordnung durch uns Expert*innen bedurften. Schreib eine kurze E-Mail an die Redaktion, leg deine Expertise dar und biete dein Fachwissen zu solchen Themen an. Viele kleinere Zeitungsredaktionen sind dankbar für Content, der authentisch und verlässlich ist, sowie einen Bezug zur Region (das bist in dem Fall DU) hat.

Alternativ kannst du Presseanfragen, wie zum Beispiel durch den VDOE in die verschiedenen Netzwerke vermittelt, nutzen. Das ist allerdings mit der Schwierigkeit verbunden, dass du ad hoc reagieren musst, weil die Anfragen oft eine zeitnahe Deadline seitens der Redaktion haben. Auch kannst du dir das Thema nicht aussuchen. Etwaiges Einarbeiten ins Thema muss man sich zeitlich leisten können und wollen, denn im Printbereich werden Interviews in der Regel nicht vergütet. Gibt es allerdings eine passende Anfrage zu deiner Expertise und deinem Fachgebiet, wodurch du – wenn überhaupt – nur wenig Vorbereitungszeit benötigst, ist dies eine gute Gelegenheit mit der Medienarbeit in Kontakt zu kommen.

Ich würde dir auf jeden Fall raten, deine ersten Schritte mit Printmagazinen bzw. Zeitungen zu machen. Denn hier kannst du darum bitten, den Artikel oder zumindest deine Zitate vor der Veröffentlichung freizugeben. Die Erfahrung zeigt, dass gesprochenes Wort und geschriebenes Wort zwei Paar Schuhe sind. Und dass auch noch so bemühte Redakteur*innen mitunter medizinische und ernährungsphysiologische Zusammenhänge falsch verstehen. Das kannst du in der Abschrift korrigieren. Wenig ändern kannst du hingegen an der Einstellung der Redakteur*innen. Wenn beispielsweise eine Redaktion gerne die Vorteile einer veganen Ernährung darstellen möchte, werden sie kritische Anmerkungen deinerseits eher vernachlässigen.

Womit wir beim nächsten Punkt wären: schau‘ dir vor einer Zusage für ein Interview an, um was für ein Medium es sich handelt. Das Internet ist voll von Webseiten, die gefüllt werden müssen und nicht überall arbeiten gut ausgebildete und seriöse Journalist*innen. Wirf deshalb einen Blick auf den Inhalt und die Aussagen von bereits auf der Seite veröffentlichten Artikeln und überleg dir, ob es sich um ein Umfeld handelt, wo du deinen Namen sehen möchtest.

Wenn das Rotlicht angeht...

Ich sage immer: „Wer sich schriftlich gut ausdrücken kann, muss noch lange kein guter Redner sein“. Damit möchte ich niemanden entmutigen, aber klar sagen: vor einer Fernsehkamera oder einem Radiomikrofon gelten noch einmal andere Gesetze. Insbesondere, wenn das Rotlicht den Beginn einer Live-Sendung signalisiert, kann einen das ganz schön nervös machen. Bei Aufzeichnungen können unwichtige oder verkorkste Sätze theoretisch im Nachhinein rausgeschnitten werden, darauf verlassen kann man sich jedoch nicht.

Dr. Alexa Iwan (rechts im Bild) beim Dreh mit Sarah Ploss (IG: grossstadtklein)

Das wichtigste Prinzip, um Zuschauenden oder Zuhörenden deine Inhalte gut und verständlich zu vermitteln, lautet „KISS: keep it short and simple“. Du solltest also Zusammenhänge soweit wie möglich vereinfachen und veranschaulichen. Das heißt konkret: Bemühe dich um (einfache!) Vergleiche und erzeuge auf diese Weise Bilder im Kopf der Zuschauenden. Ein Beispiel: Aminosäuren werden wie Legosteine zu verschiedenen Eiweißen zusammengesetzt.

 

Vermeide es außerdem, die Zuschauenden zu überfordern. Insbesondere im Fernsehen ist es nicht möglich, ein Thema erschöpfend zu besprechen. Wenige, gut argumentierte Kernaussagen reichen hier völlig aus. Sprich dabei langsam und mach‘ bewusste Pausen beim Sprechen. Arbeite mit deiner Stimme und setze sie ein, um Dinge zu betonen und hervorzuheben. Überleg dir schon im Vorfeld unterhaltsame Formulierungen zur Auflockerung und Veranschaulichung.

Kritische Interviewsituationen

Wenn du nicht der/die einzige Expert*in in einer Sendung bist, sondern in einer Diskussionsrunde sitzt, ist es sehr wahrscheinlich, dass du auf Expert*innen mit anderen Meinungen triffst. Redaktionen mögen es gerne, wenn Diskussionen ein bisschen „Feuer“ haben. Deine oberste Maxime lautet jetzt: gelassen mit Provokationen umgehen. Sei möglichst gut vorbereitet, um unsinnige Gegenargumente entschärfen zu können, aber lass dich nicht auf einen persönlichen Schlagabtausch ein.

Und wenn doch mal etwas ganz Blödes passiert: das macht gar nichts. Versuche ehrlich zu reagieren, ohne einen etwaigen „Fehler“ überzubewerten. Sätze wie „Sorry, ich muss den Satz nochmal von vorne anfangen“ (bei Versprechern oder Satzwirrwarr), „Hat das irgendjemand verstanden, was ich gerade erklären wollte? Ich versuch’s nochmal anders…“ (wenn dir zu viele Fremdworte herausgerutscht sind) oder auch „Ich sehe Ihren Punkt, aber in meiner täglichen Arbeit mache ich gänzlich andere Erfahrungen“ (wenn dich ein anderer Gast kritisiert) haben noch keinem/keiner Expert*in geschadet. Im Gegenteil. Zuschauer*innen finden Perfektion eher langweilig. Sie möchten auch in einer Expert*in einen normalen, empathischen Menschen sehen.

Solche Interviewsituation kannst du übrigens gut in Rollenspielen mit Kolleg*innen üben. Ich weiß, das fühlt sich oftmals total albern an – ist aber wirklich sehr hilfreich. Seid dabei nicht zu nett zueinander, sondern bringt euch ruhig mal in unangenehme Situationen und stellt euch gegenseitig unangenehme Fragen. Dann bist du in einem echten Interview nicht ganz so überrumpelt, wenn die andere Seite dich plötzlich kritischer befragt, als abgemacht war.

Du siehst also: In den Medien braucht es eine gute Vorbereitung, damit das Ergebnis professionell wirkt. Dazu am Anfang von deiner Seite vielleicht auch ein bisschen Überwindung und Mut. Aber der Einsatz kann sich lohnen, denn Veröffentlichungen stärken deinen Markenkern und erhöhen deine Reichweite. So kannst du Artikel und/oder Videos im Nachgang auf deiner Webseite oder deinen Social-Media-Seiten nutzen, um deine Expertise zu unterstreichen. Und Kund*innen, die zu dir kommen und sagen: „Ich habe Ihr Interview in der Zeitung gelesen…“, brauchst du in der Regel nicht mehr davon zu überzeugen, dass du das, was du tust, gut kannst. 😊 

 

Viel Erfolg wünscht dir,

Alexa

 

Welche Erfahrungen (gute und schlechte!) hast du im Medienbereich gemacht? Erzählt uns gerne davon, so profitieren wir alle!

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Verfasser*in: Dr. rer. nat. Alexa Iwan

Dr. rer. nat. Alexa Iwan ist Ernährungswissenschaftlerin, Journalistin und TV-Moderatorin. Seit vielen Jahren präsentiert sie Gesundheitssendungen für private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender sowie im Internet: „Alexa – ich kämpfe gegen Ihre Kilos!“ (RTL), „rundumgesund“ (WDR), „Liebling, wir bringen die Kinder um!“ (RTL II), „vigoTV – Das AOK-Gesundheitsmagazin“ (Center TV), „Ully nimmt ab“ (Health TV), „Alexa coacht” (YouTube®). Außerdem moderiert sie Gesundheitsveranstaltungen, hält Vorträge und leitet Mediencoachings zum Verhalten vor der Kamera.