25-jähriges Jubiläum der ersten Zertifikatsvergabe “Ernährungsberater/in VDOE”

25-jähriges Jubiläum der ersten Zertifikatsvergabe “Ernährungsberater/in VDOE”

Anfang der 90iger Jahre stießen die Verantwortlichen im VDOE gemeinsam mit Hochschulvertreter*innen und Berufspraktiker*innen den Gedanken an, wie die Qualitätssicherung im Bereich der Ernährungsberatung und Ernährungstherapie vorangetrieben werden könnte. Interessierte und bereits in der Beratung tätige Oecotropholog*innen sollten mit einem vielfältigen – genau auf die Berufsgruppe zugeschnittenen – Seminarangebot Unterstützung erhalten.
Nach umfangreichen Diskussionen, Gesprächen und Recherchen wurde 1994 das Zertifikat „Ernährungsberater/in VDOE“ entwickelt. Der Fokus lag damals wie heute auf aktuellen Themen der „Ernährung“ sowie auf Kompetenzen, die im Berufsfeld „Ernährungsberatung“ von besonderer Bedeutung sind.
Mit dem Zertifikat hat jede/r Inhaber*in die Möglichkeit, eine umfangreiche berufsbegleitende Weiterbildung und die Erweiterung der persönlichen Fähigkeiten, Kompetenzen und des aktuellen Wissens nach außen zu dokumentieren. Zudem wird die Qualifikation heute häufig von Arbeitgebern und Krankenkassen gefordert.

Am 14. Juni 1996 wurde das erste Zertifikat „Ernährungsberater/in VDOE“ an Dr. Gerta van Oost verliehen. Zur Feier des Jubiläums haben wir Frau Dr. van Oost in der vergangenen Woche in Köln, dem Ort, an dem sie das Zertifikat vor 25 Jahren erhalten hat, getroffen und sie gefragt wie sich das Zertifikat bewährt hat und wo sie die Zukunft der Beratungsbranche sieht.

 

VDOE: Sie sind die erste und aktuell auch älteste Inhaberin eines gültigen Zertifikats “Ernährungsberater/in VDOE”. Die jüngste Inhaberin ist 25 Jahre alt. Können Sie uns sagen, warum Sie sich in den 90er Jahren für den Erwerb des Zertifikats entschlossen haben und welchen Stellenwert die Qualifizierung damals hatte?

Dr. Gerta van Oost: Zunächst war mein Entschluss – nach acht Jahren Forschungstätigkeit und 12 Jahren Tätigkeit in der diätetischen Lebensmittelindustrie sowie reiflicher Überlegung und Recherche – die Selbstständigkeit im Bereich Ernährungsberatung, Ernährungstherapie und Referententätigkeit zu wagen. Der Zeitpunkt und die Umstände für diesen Schritt passten einfach.
Schnell wurde mir jedoch klar, dass es – damals schon – im Bereich Ernährungsberatung ziemlich viele selbsternannte „Expert*innen“ gab. Zeitgleich hatte der VDOE, „mein“ Berufsverband, dieses Problem erkannt.  Es war dringend erforderlich, Qualifikation transparent zu machen, den Teil der qualifiziert ernährungsberatenden Mitglieder des VDOE zu unterstützen, zu stärken, ihnen zuzuarbeiten. Mit klaren Vorgaben wurde eine VDOE-Zertifizierung erarbeitet und damit deutlich gemacht, was Ernährungsberatung leistet und zu leisten hat. Meines Wissens hat der VDOE damit Pionierarbeit geleistet. QUETHEB, VFED, DGE u.a. kamen später.

 

VDOE: Wie hat sich Ihrer Erfahrung nach die Anerkennung des Zertifikats in den letzten 25 Jahren verändert?

Dr. Gerta van Oost: Durch das Transparent- und Öffentlichmachen: Was leistet Ernährungsberatung? bzw. Was steckt hinter einem Zertifikat “Ernährungsberater/in-VDOE”? konnte erst der nächste Schritt erfolgen: Anerkennung durch die gesetzlichen Krankenkassen, Bezuschussung durch öffentliche,  staatlich legitimierte Institutionen. Nach meiner Erfahrung schauen die meisten Krankenkassen genau hin und prüfen den Nachweis, ob man qualifiziert ist und wie lange die Zertifizierung gilt.

 

VDOE: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Zertifikats und vielleicht auch der gesamten (Ernährungs-)Beratungsbranche? Wo sehen Sie Chancen aber vielleicht auch Probleme?

Dr. Gerta van Oost: Man darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen! Wünschenswert ist und sollte ein gleichberechtigtes, fachgebietsübergreifendes Arbeiten sein. Die Wertigkeit solch eines Zertifikats muss immer wieder auf allen Ebenen beworben und kommuniziert werden. Die Ernährungsberatung insgesamt hat nach wie vor um Anerkennung zu kämpfen. Auf politischer Ebene müssen die einschlägigen Berufsverbände kooperieren. Die Gesundheitspolitik nimmt wahr, ob und wie die Zusammenarbeit zwischen den professionellen Ernährungsakteuren funktioniert. Deshalb: an einem Strang ziehen!
Der  VDOE ist – aufgrund der diversen Ausbildungsgänge in der Oecotrophologie – gezwungen, einen mehrfachen Spagat zu vollziehen. Die „Sparte“ Ernährungsberater*innen ist nur eine von mehreren. Bisher – das muss ich mal sagen – hat der VDOE über all die Jahre diese Aufgabe gemeistert.

 

VDOE: Wie eingangs erwähnt ist die jüngste Zertifikatsinhaberin 25 Jahre alt. Was kann diese Generation an angehenden Oecotropholog*innen und eventuellen Zertifikatsinhaber*innen von Ihnen und Ihrer Generation lernen?

Dr. Gerta van Oost: Sich vernetzen, über den Tellerrand schauen, d.h. inter- und multidisziplinär agieren und arbeiten, selbstbewusst sein und selbstbewusst auftreten! Ernährungsberatung ist i.d.R. eine selbstständige Tätigkeit.  Jeder und jedem muss klar sein, dass man einen langen Atem braucht, bis man sich in diesem Feld etabliert und einen Namen gemacht hat. Neben „reiner“ ernährungsberaterischer Tätigkeit, gleichgültig ob Einzel-, Gruppenberatung, betriebliche Gesundheitsförderung, rate ich, sich umzusehen, wo weiterer Bedarf nach Ernährungsexpertise besteht. Ich empfehle sich zu spezialisieren, denn das Feld der Ernährungsberatung ist derart weit, dass eine „Allround“-Beratung m.E. zum Scheitern verurteilt ist. Das heißt, es geht um den Erwerb weiterer, ggf. angrenzender und/oder spezieller Qualifikationen, die Aneignung vertieften Wissens und stete Fortbildung. Das sind unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg!

Der Aspekt der Vergütung ist nicht zu vergessen.  Ernährungsberatung darf kein „Hobby“ sein. Die monetäre Wertigkeit einer Ernährungsberatung muss klar definiert und kommuniziert werden. Wer sich unter Wert verkauft, wer für seine Leistung nicht adäquat honoriert wird, steigt über kurz oder lang mit einem schlechten Gefühl und frustriert aus der Selbstständigkeit aus.
Der VDOE stellt eine Übersicht für die angemessene Vergütung diverser Leistungen zur Verfügung – eine gute und wichtige Orientierungshilfe.

 

VDOE: Aktuell wird das Zertifikat zu 98 % von Frauen erworben. Wie begeistern wir mehr Männer für das Thema bzw. diese Fachrichtung?

Dr. Gerta van Oost: Der Zuspruch männlicher Kollegen hat etwas mit der gesellschaftlichen Akzeptanz und Stellung unseres Berufsfeldes zu tun. Dahingehend muss noch an vielen „Stellschrauben“ gearbeitet werden – beginnend mit einer gesicherten, adäquaten Vergütung der Ernährungsberatung. Jede Person , die mit selbstständiger Tätigkeit liebäugelt, Herausforderungen mag, eine gute Kondition, Ideen, Phantasie und Ehrgeiz hat, Ernährungsberatung zu etablieren, sollte es wagen.

Nach meiner Erfahrung gibt es viele Berufsfelder, die männlich geprägt sind (z.B. Feuerwehr, Polizei, produzierendes Gewerbe). Die Notwendigkeit der  Gesundheitsförderung – incl. Ernährungsberatung – ist in diesen Bereichen anerkannt und existentiell wichtig. Dort wären männliche Ernährungsberater, die in der Lage sind, die Theorie und Praxis verständlich und genussvoll miteinander zu verbinden und das auch werbewirksam zu vermarkten, willkommen. Eine weitere Erfahrung: Nach meiner Beobachtung mögen die meisten Männer gerne Zahlen, Messergebnisse, Statistiken; Im Vorteil ist, wer diesen Aspekt attraktiv in die Beratertätigkeit einbeziehen kann.

 

VDOE: Danke für dieses Interview Frau Dr. van Oost!

 

In den vergangenen 25 Jahren beschritten über 1.380 Oecotropholog*innen und Ernährungswissenschaftler*innen mit Diplom, Bachelor oder Master diesen Weg und erlangten nach der Prüfung durch die Anerkennungskommission, die aus Vertretern von Hochschulen, Krankenkasse und VDOE besteht, das Zertifikat.

Wir bedanken uns bei den Begründer*innen des Zertifikats, den Expert*innen, die in der Anerkennungskommission engagiert sind oder es über lange Jahre waren und wünschen allen Zertifikatsinhaber*innen eine erfolgreiche Zukunft!